SFH-141993 Was tun mit all dem Müll in Österreich?  KURIER 24.11.2019

Wir müssen bis 2025 doppelt so viel Kunststoff recyceln wie heute, um die EU-Ziele zu erreichen. Ein Kraftakt.

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Ob Mineralwasser, Limonaden, Waschmittel oder Putzmittel: Alles soll künftig in umweltfreundlicheren Verpackungen daher kommen. Klingt gut, ist problematisch, sagen Experten. Denn so viel recyceltes Plastik wie plötzlich am Weltmarkt nachgefragt wird, gibt es gar nicht.

Die Folge: Die Preise explodieren. Laut Henkel-CEE-Präsidentin Birgit Rechberger-Krammer liegen sie bereits bis zu 40 Prozent über jenen des Originärstoffes. Ein Ende der Fahnenstange ist nicht in Sicht. Glaubt man einschlägigen Studien, wird sich die Nachfrage bis 2024 vervierfachen.

„Wenn wir nichts ändern, schaffen wir das nicht"

„Wir haben schon 2012 mit dem Recyclat begonnen. Damals wollte es aber keiner haben. Öl war günstig, und die Plastikdebatte war noch nicht hochgekocht", sagt Alexandra Dittrich. Sie ist Sprecherin des Vorarlberger Verpackungsspezialisten Alpla, der einer der großen Player auf dem Weltmarkt ist. „Plastik ist ein Werkstoff – das müssen wir in die Köpfe der Konsumenten hinein und möglichst viel Material zurückbekommen."

Das ist der Job der Altstoff Recycling Austria (ARA). Für sie sammeln täglich 700 Lkw Verpackungen in Österreich ein. Bei Papier, Glas und Metall klappt das Recycling gut. Bei Kunststoffverpackungen gibt es Aufholbedarf. Um das EU-Ziel einer Recycling-Quote von 50 Prozent bis zum Jahr 2025 zu erreichen, muss Österreich die wiederverwertete Kunststoffmenge von aktuell 75.000 auf 150.000 Tonnen verdoppeln. „Wenn wir nichts ändern, schaffen wir das nicht", sagt ARA-Vorstand Christoph Scharff.


„Leute haben andere Sorgen"

Er sieht drei wesentliche Probleme.

– Das landesweite Sammelsystem gleicht einem Fleckerlteppich. Was in den gelben Sack kommt, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland.

– Es gibt zu viele Mülltrennungsmuffel, ausgerechnet in der 1,8-Millionen-Stadt Wien. „Oft handelt es sich Leute, die schlicht andere Sorgen haben, weil sie täglich ums finanzielle Überleben kämpfen. Dazu kommt eine Gruppe, die sich für den schnellen Konsum interessiert, aber nicht für dessen Folgen." Das Problem: Diese beiden Gruppen machen laut Sinus-Milieu-Studie 29 Prozent der Wiener Bevölkerung aus. Die Folge: Maximal sieben Lkw voller Plastik werden täglich in der Stadt gesammelt. Viel zu wenig.

– Die Entsorger stehen auf der Investitionsbremse. Schuld ist laut Scharff die Debatte um die Einführung eines Pfands auf Einweg-PET nach deutschem Vorbild. Ob das Sinn macht, sei umstritten. Befürworter sagen, damit würde weniger PET im Restmüll landen. Kritiker monieren, dass der Aufbau eines flächendeckenden Sammelsystems kostspielig ist und in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht. Im Nachhaltigkeitsministerium wird gerade eine Kosten-Nutzen-Rechnung erstellt, mit der Veröffentlichung ist Anfang 2020 zu rechnen. „Wenn das Einweg-Pfand in Österreich kommt, brauchen wir andere Sortiermaschinen, und es wird viel teurer", sagt Scharff. Bis die Entscheidung getroffen ist, wird niemand eine neue Maschine ordern.

33 Millionen Tonnen Plastik

Die modernste Sortieranlage Österreichs steht am Saubermacher-Standort in Graz. Täglich laden hier bis zu zwölf Lkw Kunststoff ab, jährlich werden 33 Millionen Kilo Kunststoff sortiert. Vollautomatisch, von einer 20 Millionen teuren Maschine, die den Müll in 14 Kategorien sortiert – von PET verschiedener Farben bis zu diversen Folien. „Wenn das Produkt-Design auch noch passt, können wir mit Anpassungen die Recycling-Ziele der EU bis 2025 erreichen", sagt Saubermacher-Aufsichtsratschef Hans Roth, der auch Sprecher der Branche ist.

Öko-Becher und Öko-Muffel

Das Produktdesign ist wiederum der Job der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Verpackungsfirmen. Greiner Packaging hat einen Joghurtbecher entwickelt, der mit 24 Prozent weniger Kunststoff auskommt als herkömmliche Becher. Der Plastikbecher mit Ummantelung aus umweltfreundlichem Graspapier ist nicht nur leichter, sondern auch einfach zu recyceln.

Zumindest theoretisch. Denn praktisch müsste der Konsument die Papier-Ummantelung und den Plastik-Becher getrennt voneinander entsorgen. Doch gerade daran scheitert es in der Praxis oft. Glaubt man den Branchenschätzungen, landen in Österreich jährlich 600.000 Tonnen Rohstoffe im Restmüll, die dort streng genommen nicht hingehören.

„Solange die Sammlung und Sortierung nicht klappt, haben wir ein Problem", sagt Greiner-Vorstand Manfred Stanek. Recycling-PET im Restmüll zu entsorgen sei reinste Ressourcenverschwendung. Wäre doch Recycling-PET -zig Mal wiederverwertbar – von starken Verunreinigungen und Schwund abgesehen.


Aber was wird aus alten Plastikverpackungen? Recyclingfirmen verarbeiten sie zu Granulat, das dann verarbeitet wird. „Früher hat man gesagt, dass aus alten Flaschen eh nur Gartenmöbel werden. Das ändert sich jetzt", sagt Hans Roth. Immer mehr PET-Flaschen werden auch in ihrem zweiten Leben zu PET-Flaschen. Anders als die Packungen von Wasch- und Putzmitteln. Das Granulat so genannter Polypropylen-Flaschen wandert oft in die Baustoff-Industrie und wird zum Beispiel zu Plastikrohren verarbeitet. Auch das werde sich ändern.

In der Abfallverbrennung ist viel Plastik einfach mitverbrannt worden. Roth: „Es gab keinen Grund mehr zu sammeln und zu sortieren. Das hat oft mehr gekostet als es gebracht hat, da es keine Nachfrage für recyceltes Plastik gab."

Auch die Industrie setzt auf Kunststoff und ersetzt damit Öl als Brennstoff. Allein die voestalpine in Linz verheizt aktuell 70.000 Tonnen Kunststoff im Jahr.

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