SFH-141254  Fünf Jahre nach Hochwasser in Lavamünd: "Wir brauchen keine Schutzmauer" KURIER,at

Lokalaugenschein fünf Jahre nach dem Hochwasser in Lavamünd. Bürger lehnen Millionenprojekt ab.

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Bis in das Geschäftslokal sind die Wassermassen damals vorgedrungen. Dabei ist die Drau rund 50 Meter von unserem Laden entfernt", sagt Sylvia Riedl und zeigt auf den Boden des Friseursalons in Lavamünd, Bezirk Wolfsberg in Kärnten.

Was Frau Riedl erzählt, scheint unrealistisch, wenn man die drei, vier Höhenmeter miteinkalkuliert, die zusätzlich ihren Geschäftsraum vom Pegel des Flusses trennen. Aus heutiger Sicht unrealistisch, wohlgemerkt. Am 5. November 2012 hingegen waren Drau und die hier einmündende Lavant zum reißenden Strom geworden und hatten die Gemeinde sowie weitere Orte in Slowenien unter Wasser gesetzt.

Seitdem wird nicht nur an der juristischen Aufarbeitung des Ausnahmeereignisses getüftelt (siehe unten), sondern auch ein Hochwasserschutz-Plan erarbeitet. 17,5 Millionen Euro kostet des Projekt, das den Menschen Sicherheit bieten und Angst vor einer weiteren Katastrophe nehmen soll. Beim KURIER-Lokalaugenschein stellt sich jedoch heraus: Viele Menschen haben keine Angst; und sie wollen keine Schutzmauer.

"Wir wollen den Fluss sehen und keine Mauern. Die Schuld an dem Hochwasser trägt der Verbund, es war menschliches Versagen, wie es kein zweites Mal vorkommen wird", meint Riedl.

"Nach Vorschrift"

Der Energiekonzern als Betreiber von Flusskraftwerken, soll im November 2012 die durch heftige Niederschläge bedingte Hochwassersituation verschlimmert haben, weil die Pegel nicht rechtzeitig abgesenkt worden seien, lautet der Vorwurf. Von Konzernseite wurde und wird er zurückgewiesen. Man habe sich stets an die Vorschriften gehalten.

Das sehen die Einheimischen anders. "Es ist tragisch, dass die Mühlen der Justiz so langsam malen: die Schuld steht fest, der Verbund hat geschlampt und soll geradestehen", ist Georg Kupferschmied erzürnt.


"Eine Umfahrung hätte Lavamünd nötiger als eine Wand", wendet Isolde Skorianz ein. Diese würde keinesfalls ins Bild der Gemeinde passen, gibt Anna Sekolovnik zu bedenken. Und außerdem kenne die Bevölkerung das Projekt gar nicht, beanstandet Jasmin Kienberger.


Glaselemente

Dabei ist es fast auf Schiene: 2,5 bis 2,8 Meter hohe Betonmauern, bis zu sieben Meter in die Drau und Lavant gerückt, werden errichtet. Deren Gesamtlänge ist noch nicht bekannt, wohl aber, dass sie teilweise Glaselemente enthalten werden.

13,6 Millionen Euro zahlt der Bund, 600.000 das Land und 600.000 der Verbund in Form eines Sonderförderbeitrages, den das Wasserrecht vorschreibt. 2,7 Mio. blieben für die Gemeinde. "Es laufen Verhandlungen mit dem Verbund, der einen Teil der Kosten übernehmen soll", sagt Lavamünds Bürgermeister Josef Rudhardt. Im Gegenzug könnte die Gemeinde die Schadenersatzklage über 622.000 Euro gegen den Konzern fallen lassen.


194 Opfer und 22 Beschuldigte

War es eine unkontrollierbare Naturkatastrophe oder wird jemand für das Hochwasser am 5. November 2012 in Lavamünd zur Verantwortung gezogen? Fünf Jahre später ist noch unklar, ob das Verfahren eingestellt oder Anklage erhoben wird.

Abgeschlossen sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Klagenfurt, die einen Vorhabensbericht an die Oberstaatsanwaltschaft Graz geschickt hat. Diese wiederum hat den Akt nun ans Justizministerium weitergeleitet.

Die Ermittlungen wurden wegen des Verdachts auf fahrlässige Gemeingefährdung geführt, die Strafdrohung beträgt sechs Monate bis fünf Jahre. Ermittelt wurde gegen den Verbund sowie gegen 21 Personen – überwiegend Mitarbeiter des Verbunds, aber auch Beamte des Landes Kärnten und des Landwirtschaftsministeriums. Bei letzteren geht es um die Korrektheit der Wehrbetriebsordnungen, diese legen unter anderem den Umgang mit dem Wasserpegel für die Kraftwerke fest.

Im Akt sind 194 Opfer aus Kärnten und Slowenien angeführt. Der Großteil hat sich dem Strafverfahren als Privatbeteiligte angeschlossen. Sie wollen einen Schaden von 100 bis 150 Millionen Euro ersetzt bekommen.

Entscheidende Bedeutung wird dem Gutachten eines deutschen Sachverständigen beigemessen. Dieser hat ein Modell entwickelt, mit dem berechnet werden kann, wer wie reagieren muss, um eine Überflutung zu vermeiden – falls dies überhaupt möglich war.


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