SFH-141176  Transitgemeinde wird erlöst: Endlich kommt die Autobahn,   von Christine Imlinger 09.12.2017 um 18:38

Unfalltote, Staus, Lärm und Dreck: Nach langen Jahren als Transitgemeinde ist Poysdorf nun den Durchzugsverkehr los. Wie ein Ort die neue Autobahn feiert.

https://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/5335763/Transitgemeinde-wird-erloest_Endlich-kommt-die-Autobahn?from=suche.intern.portal


Noch ist es hier ruhig: Karl Klaus, der Leiter der Bauaufsicht, und Thomas Grießl, Bürgermeister von Poysdorf, kurz vor der Eröffnung der neuen Autobahn.
Noch ist es hier ruhig: Karl Klaus, der Leiter der Bauaufsicht, und Thomas Grießl, Bürgermeister von Poysdorf, kurz vor der Eröffnung der neuen Autobahn. – (c) Stanislav Jenis

So viel Freude über eine Großbaustelle ist selten. „Wir sind wahrscheinlich der erste Ort, in dem es nicht Proteste und Bürgerinitiativen gegen, sondern für eine Autobahn gegeben hat", sagt Thomas Grießl. Er ist der Bürgermeister (ÖVP) des Weinviertler Städtchens Poysdorf, und in seinem Büro im Gemeindeamt mitten im Zentrum hört man unentwegt, warum dem so ist. Schweres Brummen, in einer Tour schiebt sich morgens, mittags, nachmittags wie abends ein Lkw nach dem anderen um die enge Kurve mitten in der kleinen Stadt.

Drei Tote, sagt Grießl, habe es allein in seiner Amtszeit, also seit 2014, gegeben. Alles ältere Leute, überfahren auf Schutzwegen im Ort. Zur Gefahr – direkt an der Durchzugsstraße liegen auch Schulen – kommt der unentwegte Lärm, die Belastung ist jenseits empfohlener Grenzwerte, die Feinstoffbelastung ebenso, und natürlich der Stau.

„Lebensqualität: gleich null", so fasst Grießl die Situation, seit der Durchzugsverkehr immer mehr geworden ist, zusammen. Seit den 2000er- Jahren sei der Verkehr immer mehr geworden. 2009 wurden pro Tag 1800 Lkw gezählt, heuer im Sommer waren es schließlich 4100 Lkw pro Tag. Auch der Pkw-Verkehr ist in der Zeit signifikant mehr geworden, der Leidensdruck genauso. Pläne, die Autobahn auszubauen, gab es schon lange, so lange, dass im Ort schon niemand mehr daran geglaubt hat, dass tatsächlich gebaut wird.

Poysdorf am 6. Dezember.
Poysdorf am 6. Dezember. – (c) Die Presse (Stanislav Jenis)

„Wir sind nirgends so freundlich aufgenommen worden wie hier", erzählt Karl Klaus, der Projektleiter der Bauaufsicht, von der Zeit, als der Bau dann begann. „Ich baue seit 15 Jahren Autobahnen, aber so wie hier war es noch nirgends. Es gab eine sehr große Bereitschaft der Bevölkerung, Staub, Schmutz und Unannehmlichkeiten durch die Baustelle auszuhalten."

Nun ist die Autobahn also fertig. Seit Freitagmittag ist die neue Strecke bis Poysbrunn für den Verkehr freigegeben. Ein Feiertag für den Ort. Und ein Tag, der lange erwartet wurde.

„Wunderbar, einfach nur wunderbar!", so kommentieren die Poysdorfer nun das neue Lebensgefühl, tauschen ungläubig Videos von der nun ruhigen Durchzugsstraße via Social Media aus und berichten, sie hätten seit dem 8. Dezember nun besser geschlafen. Schätzungen gehen davon aus, dass der Lkw-Verkehr um 70 bis 80 Prozent abnehmen wird, Lärm- und Feinstaubbelastung sollen signifikant sinken.

In den vergangenen Jahren hat die Belastung durch den Verkehr die Stimmung in der Transitgemeinde ordentlich angespannt: Es gab Straßenblockaden, Transparente, Facebook-Gruppen, Protestaktionen gegen den Verkehr – beziehungsweise gegen die lange Stagnation der Ausbaupläne der Autobahn Richtung Staatsgrenze.


Wie eine Straße einen Ort spaltet. Als diese schließlich konkret wurden, gab es freilich auch kritische Stimmen – nicht grundsätzlich gegen die Autobahn, sondern für mehr Umweltschutz. Als eine Bürgerinitiative etwa gegen den Wasserrechtsbescheid Einspruch erhob – mit dem Bedenken, die Retentionsbecken seien zu klein, der Wasserhaushalt sei in Gefahr –, kam es zu unschönen Szenen: Ein Protestzug zog vor das Haus einer Kritikerin, es kam zu Anzeigen, bis hin zur Bitte um Polizeischutz für die Kritikerin.



Nun hofft man in Poysdorf, dass die neue Autobahn einen neuen Geist im Ort mit sich bringt. Wein, Tourismus, Erneuerung, davon spricht Bürgermeister Grießl heute. Es gebe viele Ideen zur Umgestaltung des Ortszentrums, auch eine Art Begegnungszone sei geplant. Auch der Weintourismus soll stärker vermarktet werden, „wir haben die schönsten Kellergassen Österreichs, aber die Leute verbinden Poysdorf oft nur mit den Staumeldungen aus dem Radio“.

Sorgen, dass der Ortskern ausstirbt, wie es in so vielen anderen Kleinstädten der Fall ist, wenn Umfahrungsstraßen gebaut werden, hat er nicht. Zunächst einmal sei die Autobahn sowieso ohne Alternativen gewesen, außerdem habe Poysdorf eine positive Wanderungsbilanz. Junge, die zum Studieren weggegangen sind, kommen zurück aufs Land. Überhaupt ziehen Leute zu. Das Wiener Umland wächst, das merke man mittlerweile hier, im nördlichen Weinviertel, an deutlich anziehenden Boden- und Immobilienpreisen. Immerhin pendelt man nun, dank der neuen Autobahn, wohl fünf bis zehn Minuten schneller nach Wien als zuvor.

In Zahlen

25 Kilometer lang ist der neue Abschnitt der Nordautobahn (A5) im Weinviertel. Seit Freitag ist diese Teilstrecke Schrick– Poysbrunn für den Verkehr geöffnet.

282 Millionen Euro wurden in den neuen Abschnitt investiert. Das Teilstück zählt vier Anschlussstellen, für diese Anschlussstellen, und als Querungen der Landstraßen bzw. als Grünbrücken für Wildtiere, wurden 45 Brücken errichtet.

9 Straßenkilometer ist das Ende der A5 in Österreich damit seit 8. Dezember noch von der Staatsgrenze zu Tschechien entfernt.

5 Kilometer lang ist die Umfahrung von Drasenhofen, der weitere Anschluss in Richtung Norden. Dafür gibt es seit Anfang Oktober grünes Licht vom Bundesverwaltungsgericht. Mit dem Bau soll im Frühjahr 2018 begonnen werden, die Verkehrsfreigabe ist fürs zweite Halbjahr 2019 geplant.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2017)


‹zurück Seite Drucken
 

Bereitstellungszeit : 0.256 Sekunden | SQL: 7 | made by powerweb99.at