SFH-141442   Bernhard Lehner: "Ideen sind überbewertet",  Die Presse  von Nicole Stern 13.03.2019 um 06:57, Posting Dr. Lederbauer vom 15.3.2019  18.25 Uhr

Bernhard Lehner ist Gründer des Start-up-Netzwerks Startup300, das vor Kurzem an die Börse ging. Ein Gespräch über Menschenkenntnis, Geld, das einfach passiert – und warum man als Unternehmer im Dreck wühlen muss.

https://diepresse.com/home/wirtschaft/uebergeld/5593391/Bernhard-Lehner_Ideen-sind-ueberbewertet

Die Presse: Sie wollten immer gründen, woher kam der Drang?

Bernhard Lehner: Ich komme aus einer Beamten- und Bauernfamilie, dort habe ich noch keinen Unternehmer entdeckt. Ich wusste aber immer, dass ich etwas für mich allein tun muss. Deshalb der Weg in die Selbstständigkeit.

Heute sind Sie Start-up-Investor, das von Ihnen mitgegründete Unternehmen Startup300 wurde kürzlich an der Wiener Börse gelistet. Reicht allein der Drang, etwas zu schaffen, oder braucht man auch eine gute Idee?

Ich persönlich bin kein großer Investor, aber Startup300 ist sicher umtriebig, was wiederum nur durch diese tolle Gemeinschaft möglich ist, die uns – meinen Ko-Founder Michael Eisler und mich – unterstützt. Grundsätzlich sind Ideen aber sowieso überbewertet.

Inwiefern?

Mit einer Idee ist noch kaum jemand erfolgreich geworden, es kommt immer auf die Umsetzung an und auf die Gründer, mit denen man zusammenarbeitet.

 

Aber man kann nichts umsetzen, wenn man nicht weiß, was es sein kann.

Am besten ist eine intrinsische Motivation, dass man also etwas findet, mit dem man sich den ganzen Tag gut und gern beschäftigen kann. Und hat man ein Thema gefunden, bin ich felsenfest davon überzeugt, dass man damit Geld verdienen kann. Ob es nur zum Überleben reicht oder ein Milliardenunternehmen daraus wird, ist zu diskutieren. Es wird aber trotzdem jemanden geben, der bereit ist, Geld für diese Idee zu geben.

 

So jemanden wie Sie?

In den frühen Phasen, in denen wir mit Startup300 investieren, ist oft nichts da, kein Prototyp, kein Marktzugang, kein Umsatz. Was beurteilt man also? Am besten die Gründerpersönlichkeiten. Beim Investieren in diesen Phasen sind 50 Prozent Menschenkenntnis.

 

Und was ist der Rest?

Ein Produkt oder zumindest eine Produktidee, die ein echtes Problem lösen könnte. Ein Stück Technologie wäre gut. Ein skalierbares Businessmodell, das auch verteidigbar ist. Und ein Marktsegment oder eine -nische, die noch nicht de facto monopolisiert ist.

 

Menschenkenner ist man oder wird man?

Erfahrung hilft sicher, Intuition sowie gut zuhören und zwischen den Zeilen lesen auch. Ich täusche mich noch oft genug in Menschen, die Fehlerquote wird aber geringer.

 

Was macht es mit einem, wenn man sich täuscht?

Das gehört zum Geschäft. In der Start-up-Welt scheitern die Unternehmen in erster Linie, weil Teams nicht mehr miteinander können.

 

Welche Rolle spielt da Geld?

Kaum eine. Start-ups bewegen sich in einer Ausnahmesituation. Die Gründer gehen über ihre Grenzen Richtung Selbstausbeutung. Sie arbeiten für ein in die Zukunft gerichtetes Versprechen. In diesem Prozess kann sich herauskristallisieren, dass im Gründerteam wer sitzt, der nicht so außergewöhnlich denkt wie die anderen. Vielleicht kann jemand einfach nicht zwei Jahre lang kein Geld verdienen, vielleicht bekommt man auch Kinder und der Fokus verschiebt sich.

 

Als Sie gründeten, was haben Sie sich erhofft?

Dass ich mir meinen Tag so einteilen kann, wie ich will, und ich gleichzeitig ein Maximum an Leistung abrufen kann. Mittlerweile muss ich mich halt auch gegenüber Aktionären verantworten.

 

Sie sind heute ein Business Angel. So etwas ist inzwischen keine Seltenheit mehr. Viele haben das als Geschäftsmodell entdeckt.

Wenn man es richtig macht, ist es ein Geschäftsmodell. So wie es viele in Österreich betreiben, ist es ein Verlustgeschäft. Es gibt eine total falsche Erwartungshaltung. Investieren in Start-ups bedeutet nicht, dass man 100.000 teilt und in zwei Firmen steckt. Hat man 100.000 Euro, dürfte man wahrscheinlich maximal 30.000 Euro investieren. Denn man braucht noch Reserven, etwa für weitere Finanzierungen oder Unvorhergesehenes. Das wollen viele aber nicht hören.

 

Sie selbst haben mehrfach gegründet. Zunächst eine PR-Agentur, später waren Sie Partner beim Start-up-Inkubator i5Invest. Woher hatten Sie das Geld?

Wir haben eine Nominale gezahlt und gearbeitet, dafür gab es Anteile. Ich hatte das Glück, bei drei Start-ups im Gründerteam zu sitzen. Die Personensuchmaschine 123people haben wir gegründet, von der Power-Point-Folie bis zum Verkauf um 15 Millionen Euro in zweieinhalb Jahren – eine klassische Erfolgsgeschichte. Dann gab es den Spendensammler Email Charity, die Firma war bald tot. In der Mitte gab es den Online-Reiseführer Tripwolf, der heute noch positiv wirtschaftet. In der Start-up-Welt lernt man schnell unterschiedliche Dinge kennen und kann viel umsetzen. Diese Dynamik macht süchtig. Deshalb bin ich dabei geblieben.

 

Im Nachhinein schaut immer alles sehr einfach aus, so als ob eines das andere ergäbe.

Das ist aber nicht das richtige Gründerbild. Du hast den unglaublichen Drang, etwas umzusetzen, und bist bereit, mit den Armen im Dreck zu wühlen, zu verzichten. Wenn du diese Mentalität nicht hast, bist du kein Gründer.

 

Macht man das alles wirklich nur um seiner selbst willen?

Wirtschaftliches Interesse ist immer da, alles andere wäre komisch und gelogen. Geld ist ja nichts anderes als eine Form der Anerkennung. Und viel Geld heißt viel Anerkennung, und das ist doch cool.

Kann man zu viel Geld haben?

Mit der Frage kann ich wenig anfangen. Denn dann hat man einen falschen Zugang zu Geld. Ich glaube, Geld passiert, wenn man die Dinge gern tut. Dann kann man schauen, ob man Geld optimieren will oder nicht. Optimieren, das mache ich nicht, kann ich nicht und verstehe ich nicht. Aber am Ende kann ich gut leben.

 

Wie gut?

Ich habe das Selbstvertrauen zu wissen, dass es immer reichen wird.

 

Könnten Sie aufhören zu arbeiten?

Das würde ich mich noch nicht trauen. Und ich würde es nicht wollen. Was soll ich dann machen? Außer etwas mehr Rad fahren und Zeit mit meiner Familie verbringen, worauf ich ohnehin achte.

 

Sie haben vier Kinder. Wie hat dies all Ihre Entscheidungen beeinflusst?

Es hat nie eine Rolle gespielt. Meine Partnerin und ich sind uns erst vor zwölf Jahren begegnet, zwei Kinder hat sie mitgebracht. Wir hatten zwei, drei schwierige Jahre, gerade als ich mit meiner PR-Agentur aufgehört und bei Markus Wagner angeheuert habe. Sie hat das, was ich mache, nie in Frage gestellt. Es wird immer so sein, dass wir die Kinder in eine Schule schicken können, die wir uns aussuchen. Auch wenn das Auto dann vielleicht kleiner sein muss.

 

Entspannt Sie Ihre komfortable Situation?

Das Gegenteil ist der Fall. Weil ich immer besser lerne, was alles möglich ist, habe ich eher immer das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich mache mir gefühlt sicher mehr Druck als vor fünf oder sechs Jahren. Mit Geld hat das aber nichts zu tun, eher mit Möglichkeiten.

 

Ist Ihr ganzes Geld in Start-ups investiert?

Zum überwiegenden Teil, ja.

 

Und sichere Anlagen?

Ich habe ein Haus, in dem ich wohne. Anlage im Sinne eines Investments ist das aber wohl keine, sondern die Form von Luxus, die wir uns nun leisten dürfen.

ZUR PERSON

Bernhard Lehner (*1971) war freier Journalist, gründete später eine PR-Agentur und wechselte 2007 als Partner zum Start-up-Inkubator i5invest.

Seither beteiligte er sich vielfach an Unternehmen (etwa 123people, Tripwolf) oder war Business Angel, zum Beispiel bei Runtastic oder Wikifolio. Im Jahr 2015 gründete er gemeinsam mit Michael Eisler und 86 Business Angels das Start-up-Netzwerk Startup300, das soeben im heurigen Jänner an die Wiener Börse ging.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2019)


Posting Dr. Lederbauer vom 15.3.2019  18.25 Uhr

" ...Grundsätzlich sind Ideen aber sowieso überbewertet... Ob es nur zum Überleben reicht oder ein Milliardenunternehmen daraus wird, ist zu diskutieren. Es wird aber trotzdem jemanden geben, der bereit ist, Geld für diese Idee zu geben... "

Es gibt durchaus Innovationen, bei denen am Anfang das Marktpotential nicht genügend überblickt werden kann.

Wir haben mit dem Projekt ECOWALL - einem begrünten Lärmschutzsystem unter Verwedung von  Altstoffen begonnen, später verschiedene weitere Einsatzgebiete erkannt und schliesslich das Projekt ECOOO-WALL  ( Begrüntes Schutzsystem vor Lärm, Überschwemmungen, Waldbrände etc ) entwickelt.

Vgl.: www.ecooowall.at

Von entscheidender Bedeutung ist die Finanzierung in der Anfangsphase, bei der eine Abhängigkeit von großen Investoren vermieden werden sollte. 

Ein einfacher und fairer Weg besteht darin, zunächst stille Gesellschafter  zu fairen und attraktiven Konditionen einzubauen, den Markteintritt  erfolgreich zu schaffen und dann größere Finanzierungsrunden vorzunehmen.

Damit könnte ein weltweiter Markterfolg möglich sein.

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troootzi

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" ...Grundsätzlich sind Ideen aber sowieso überbewertet... Ob es nur zum Überleben reicht oder ein Milliardenunternehmen daraus wird, ist zu diskutieren. Es wird aber trotzdem jemanden geben, der bereit ist, Geld für diese Idee zu geben... "

Es gibt durchaus Innovationen, bei denen am Anfang das Marktpotential nicht genügend überblickt werden kann.

Wir haben mit dem Projekt ECOWALL - einem begrünten Lärmschutzsystem unter Verwedung von Altstoffen begonnen, später verschiedene weitere Einsatzgebiete erkannt und schliesslich das Projekt ECOOO-WALL ( Begrüntes Schutzsystem vor Lärm, Überschwemmungen, Waldbrände etc ) entwickelt.

Vgl.: www.ecooowall.at

Von entscheidender Bedeutung ist die Finanzierung in der Anfangsphase, bei der eine Abhängigkeit von großen Investoren vermieden werden sollte.

Ein einfacher und fairer Weg besteht darin, zunächst stille Gesellschafter zu fairen und attraktiven Konditionen einzubauen, den Markteintritt erfolgreich zu schaffen und dann größere Finanzierungsrunden vorzunehmen.

Damit könnte ein weltweiter Markterfolg möglich sein.
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