SFH-141990  Erfahrungsbericht Das E-Auto ist auch nicht die Lösung,   23.11.2019 um 13:01 von Florian Asamer

Warum E-Autos die besseren, aber trotzdem nur Autos sind, die Reichweitendebatteein Ablenkungsmanöver ist und wir in Sachen Fortbewegung umdenken müssen.

https://www.diepresse.com/5727381/das-e-auto-ist-auch-nicht-die-losung

Knapp drei Jahre mit einem Elektroauto im Wiener Ballungsraum unterwegs zu sein, ist wahrscheinlich eine ganz tragfähige Basis für ein grundsätzlicheres Fazit zum Thema Elektromobilität. Und vor allem dafür, aus Fahrersicht eine Antwort auf die entscheidende Frage zu versuchen: Taugt das Elektroauto, so wie das im politischen Diskurs allgemein suggeriert wird, tatsächlich als Lösung für die Mobilitätskrise? Oder, um die Frage ein wenig zu redimensionieren, ist der Elektroantrieb in allen Fällen ein brauchbarer Ersatz für den mit CO2-Zielen unverträglichen Verbrennungsmotor. Zweimal Nein, um die Antwort vorwegzunehmen. Aber beginnen wir der Reihe nach.

Grundlage für diesen Text sind Fahrten in Wien und im Speckgürtel darum herum mit dem E-Up von VW, einem der im Betrieb sparsamsten, in der Anschaffung günstigsten und von Gewicht und Dimensionen kleinsten Stromer auf dem Markt. Die größten Pluspunkte teilt er mit allen E-Autos: Dort, wo wir leben und atmen, arbeitet er emissionsfrei, dort, wo wir wohnen und schlafen geräuscharm, dazu ist er im Betrieb CO2-neutral (wer sich länger mit dem großen Ganzen beschäftigt, also Produktion von Strom oder Batterien mitbetrachtet, wird bei weitergehenden Aussagen zur Umweltbilanz von E-Autos vorsichtig sein).

Der E-Up im Besonderen überzeugt als Kleinwagen im klassischen Sinn auf allen Linien. Bis Tempo 100 macht das Beschleunigungswunder richtig Spaß, der Verbrauch lässt sich relativ leicht bei unter 15 KW/h auf 100 Kilometer halten, die Batterie lädt auch an der Haushaltssteckdose in deutlich unter acht Stunden voll. Die Reichweite des E-Up beträgt in Nicht-Winter-Monaten rund 150 km.

Österreichs meistverkauftes E-Auto von Jänner bis Oktober war mit 2060 Stück das Model 3 von Tesla. Laut dem neuen Testverfahren WLTP hat es eine Reichweite bis zu 530 Kilometern, das Model 3 kostet in Österreich ab 46.700 Euro.

 

REUTERS

Und gleich an diesem Punkt lohnt es sich, grundsätzlicher zu werden. Das Thema Reichweite ist nämlich das glatte Gegenteil des berühmten Elefanten im Raum: Alle reden und schreiben darüber, der Fortschritt bei neuen E-Autos wird fast ausschließlich an der angegebenen Maximalreichweite gemessen, Kaufentscheidungen für oder gegen einen Wagen mit E-Antrieb anhand von diesen meist ziemlich fiktiven Werten getroffen. Das führt wiederum in eine Sackgasse, da die Autoindustrie nämlich derzeit vor allem eines versucht: Elektroautos zu produzieren, die genau dasselbe können wie aktuelle Autos mit Verbrennungsmotoren, also das Konzept Auto, wie wir es kennen, nicht zu modifizieren, sondern Verbrenner eins zu eins (wortwörtlich in der Stückzahl) durch Batterie-Autos zu ersetzen. No na, was denn sonst, könnte eine Antwort auf diese Feststellung sein. Doch was man beim Bewältigen des Alltags mit einem Elektroauto erkennt, ist, dass Entscheidungen rund ums Auto derzeit wenig rational getroffen werden und dringend überdacht werden sollten.

» >>> Diskutieren Sie mit: Ist Elektro-Mobilität die Lösung?

Das beginnt beim Thema Verbrauch, um über die wichtigste Verbrennerkenngröße zu sprechen. Zwar spielt der Normverbrauch pro hundert Kilometer bei der Anschaffung eines konventionellen Autos für viele Menschen eine bedeutende Rolle, nicht aber bei der Entscheidung für die Sonderausstattung. Im Elektroauto lernt man aber, dass bis zu 50 (!) Prozent der Energie nicht in die Fortbewegung, sondern in Klimaanlage, Entertainmentsystem, mitlaufende Navi-Bildschirme und Hintergrundbeleuchtung fließt. Vor allem bei Klimaanlage und Navi erkennt man, wenn man gezwungen ist den Verbrauch im Blick zu haben (ja, die Reichweite!), dass diese die meiste Zeit sinnlos im Hintergrund mitlaufen. Das ist bei Autos mit Verbrennungsmotoren nicht anders, nur merken wir es in der Regel nicht.

Zahlen

28.327 Elektroautos waren mit Stand Ende Oktober auf Österreichs Straßen unterwegs. Insgesamt zugelassene Pkw: 5,035 Millionen.

7898 E-Autos wurden heuer von Jänner bis Ende Oktober neu zugelassen. Um fast 50 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs.

Eine weitere Folge des E-Auto-Gebrauchs: Ein Nachdenken über die Reichweite bringt immer auch automatisch eine Überlegung mit sich, ob die nächste Fahrt auch tatsächlich notwendig ist. Steht also der E-Up vor der Tür und hat noch 40 Kilometer im „Tank", die man am nächsten Tag am Weg ins Büro braucht, dann macht man die eine oder andere Besorgung in der Nähe dann doch zu Fuß oder mit dem Rad, hätte aber sonst bedenkenlos das Auto genommen. Das gilt auch für die Art zu fahren an sich. Kein Elektroautofahrer käme auf die Idee, abrupt zu beschleunigen oder zusammenzubremsen, wenn das nicht tatsächlich nötig ist. Vielmehr versucht man die erreichte Geschwindigkeit entweder in möglichst weites Rollen oder in das Wiederaufladen der Batterie (Rekuperation) umzusetzen.

Das führt auch zu einer weiteren, beim Fahrrad selbstverständlichen Erkenntnis: je leichter ein Fahrzeug, desto besser. Ein Umstand, der beim Kauf von Autos mit Verbrennungsmotor überhaupt keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Seit Jahren werden die Autos immer schwerer, unförmiger und damit weniger aerodynamisch, nur weil die modernen Verbrennungsmotoren immer effizienter werden, stieg der Verbrauch nicht radikal an. Gar nicht auszudenken, was im Hinblick auf Effizienz und damit CO2-Ausstoß beim konventionellen Auto möglich wäre, wenn an Gewicht und Form, zusätzlichen Verbrauchern (also der Sonderausstattung) und der Zahl der Fahrten (wirklich notwendig?) gespart würde. Die Autoindustrie forscht derzeit an größeren Batterien, damit auch E-Autos schwerer werden können, die dann wieder größere Batterien brauchen, die dann wieder länger laden . . .

Während also die Erfahrung mit dem Elektroauto im Ballungsraum zeigt, dass Reichweiten um die 150 Kilometer in Nahverkehr praktisch immer ausreichen, und schon derzeit das Elektroauto für diesen Einsatzzweck die bessere (emissionsfreiere, wartungsärmere, leisere und damit auch für den Fahrer komfortablere) Wahl ist, steht über der Langstreckentauglichkeit von E-Autos generell ein großes Fragezeichen. Selbst wenn die Batteriegroß genug wäre, um zum Beispiel 700 Kilometer weit am Stück zu fahren (was die Ladezeiten bei Zwischenstopps übrigens wieder deutlich erhöht), dann gelten diese Werte für das gleichmäßige Fahren bei mildem Klima mit rund 80 km/h. Die Autobahnanforderungen (höhere Grundgeschwindigkeit mit wiederkehrenden Beschleunigungsspitzen für Überholmanöver oder bei Steigungen) lassen die angegebene Idealreichweite schon unter normalen Bedingungen drastisch schmelzen. Im Winterland Österreich kommen noch sehr niedrige Temperaturen als Faktor dazu: Die reduzieren die Reichweite nicht nur abermals, sondern haben einen zweiten in der öffentlichen Debatte gern vernachlässigten Aspekt: bei kaltem Wetter erhöhen sich die Ladezeiten (auch an Schnellladestationen) dramatisch.

Alles das gesagt habend, kommen wir noch zu einem weiteren, aber wohl entscheidenden Punkt: Auch ein Elektro-Auto ist nur ein Auto. Selbst wenn alle herkömmlichen Autos durch Elektroautos ersetzt würden, blieben alle CO2-unabhängigen Verkehrsprobleme (Staus, fehlender Parkraum, Verkehrskollaps in Ballungsräumen oder kurz: zu viele Autos) völlig ungelöst. Die werden sich nur mit einem Fortbewegungsmix aus Öffis, Individualverkehr (vor allem am Land) und ,wo immer es geht, einer Logik der kurzen Wege, die zu Fuß gehen und Radfahren als den Regelfall der täglichen Fortbewegung ermöglicht, bewältigen lassen.

In diesem Sinn ist das E-Auto das kleinere Übel, aber sicher nur ein (wenn auch für kürzere Strecken entscheidendes) Puzzlestück einer noch nicht gefundenen Gesamtlösung, die Gewohntes infrage stellen wird.

Fakten

1821 schuf Michael Faraday mit dem Elektromagnetismus die Grundlage für Elektroautos. Ab den 1830er-Jahre entstanden erste Elektromotoren.

1881 präsentierte Gustave Trouvé in Paris das erste Elektrofahrzeug der Geschichte, ein elektrisches Dreirad.

Ab 1910 setzte sich der Verbrennungsmotor durch.

1996 baute GM ein E-Auto, den EV1, mit einer Auflage von 1100 Stück.

2012 stellte Tesla das Model S vor mit einer Reichweite bis zu 600 Kilometer.

‹zurück Seite Drucken
 

Bereitstellungszeit : 0.236 Sekunden | SQL: 7 | made by powerweb99.at