SFH-142886 Digitale Transformation: Wie man die IT-Katastrophe vermeidet,  TREND veröffentlicht am 6.5.2022

Viele digitale Transformationsprozesse in Unternehmen sind zum Scheitern verurteilt. Stefan Bergsmann, Österreich-Geschäftsführer der Managementberatung Horváth, beschreibt, wie Führungskräfte gegensteuern können.

https://www.trend.at/business-management/digitale-transformation-it-katastrophe-vermeiden


Stefan Bergsmann, Geschäftsführer von Horváth & Partners Österreich


n einem Fachbeitrag für das CIO-Magazin wurde kürzlich eine Welle des Scheiterns von digitalen Transformationsprojekten in Unternehmen vorhergesagt. Das könnte zu schwerwiegenden Ausfällen in Lieferketten und Unternehmensprozessen führen könnten. Doch wie gegensteuern?

Spektakuläre Misserfolge, Systemausfälle oder Unterbrechungen von ganzen Prozessabläufen sind der Schrecken jedes IT-Verantwortlichen, und daher werden Software-Updates ebenso wie neue IT-Systeme, Projekte und Datenüberspielungen x-mal getestet, bevor sie produktiv gehen. Doch was, wenn die Fachleute fehlen und prekäre Begleitumstände gerade die Einführungsphase bedrohen?

Der Autor spricht von einem Tsunami vorhersehbarer Projektkatastrophen, die kaum aufzuhalten wären. Und dabei seien nicht jene normalen Fälle gemeint, in denen das Budget überschritten oder der Zeitplan gesprengt wird, sondern Misserfolge, die Lieferketten unterbrechen, die Finanzberichterstattung verzögern und die Karrieren von scheinbar kompetenten Führungskräften zerstören.

Vorboten des Scheiterns

Ganz unrecht hat er nicht. Es gibt einige Anzeichen, dass die Pandemie nicht nur zu einer Beschleunigung der Transformationsanstrengungen geführt hat, sondern auch zu einer vermehrten Fehlerhäufigkeit. Im vergangenen Jahr wurden laut Experten doppelt so viele Projekte gestartet wie in einem normalen Jahr. Da die Zeitspanne für die Erstimplementierung großer Initiativen im Durchschnitt 12 bis 18 Monate beträgt, könnte sich dies schon 2022 auswirken.

Fast alle größeren Katastrophen beim Go-Live lassen sich auf mangelnde Erfahrung der leitenden Projektmitarbeiter zurückführen. Die Fähigkeit, Risiken zu erkennen und zu kommunizieren, ist von entscheidender Bedeutung, um sie einzufangen. Da sich die Anzahl der Projekte aber verdoppelt hat, fehlen vielfach hochqualifizierte Mitarbeiter für Projekte wie Programme, die über das gewohnte Maß hinausgehen. Jeder weiß, dass die Branche seit Jahren unter Fachkräftemangel leidet.

Hinzu kommt, dass die vorhandenen Transformationsteams mit (noch) unerprobten Methoden arbeiten müssen. Viele Projekte hatten schon während der Pandemie mit Tests integrierter Systeme zu kämpfen. Können die Teams nicht direkt räumlich zusammenarbeiten, leidet die Produktivität darunter. Teammitglieder können nicht so schnell von Kollegen lernen, Tipps & Tricks nicht so leicht weitergegeben werden. Das hat Auswirkungen auf die abertausenden Anwender, denen nach einer Systemeinführung die Superuser fehlen, die sie durch den Start begleiten.

Den IT-Gau vermeiden

Der zu erwartende Tsunami an IT-Katastrophen in der Wirtschaft ist aber nicht unaufhaltbar oder vorherbestimmt, im Einzelfall kann mit taktischen Maßnahmen sehr wohl gegengesteuert werden. So empfiehlt es sich etwa, vom Systemintegrator schon vor der Umsetzung eine Übersicht möglicher Fehlerquellen (Lessons Learned) aus vergleichbaren Projekten zusammenstellen zu lassen. Diese Präsentation kann Führungskräften helfen, Risiken rechtzeitig zu erkennen und geeignete Maßnahmen zum Schutz des Unternehmens zu ergreifen. Ebenso hilft es, von Managementseite den Fokus in den Lenkungsgremien insbesondere auf solche Risiken zu setzen und Fehler, die vorkommen können, nicht hart zu sanktionieren – denn nur dann kann es gelingen, sie auch frühzeitig aufzuzeigen anstatt sie unter den Teppich zu kehren.

Als dritter Hebel empfiehlt es sich, die Bedingungen für den geplanten „Go-Live" des Projekts früher als gewöhnlich festzulegen. Da ist dann auch die Frage zu stellen „Was können wir vor dem Start erreichen?" und nicht: „Wo sollten wir sein?"

Neutrale Perspektive ratsam

Nicht zuletzt sollten die Unternehmensverantwortlichen auf eine unabhängige Perspektive setzen, um eine realistischere Sicht auf das Projekt zu gewinnen. Projektqualitätssicherung kann hier einen wesentlichen Beitrag leisten. Denn: Gutes Urteilsvermögen wird durch bereits versenkte Kosten (die sich nicht mehr amortisieren) und unhaltbare Best-Case-Szenario-Planungen leicht getrübt.

Fazit: Die deutlich gestiegene Nachfrage nach Transformationskompetenz trotz fehlender IT-Fachkräfte könnte in den nächsten Monaten und Jahren zu einer Welle von scheiternden Projekten führen. Führungskräfte sind daher gut beraten, mit taktischen Vorkehrungen gegenzusteuern und eine unabhängige bzw. neutrale Sichtweise auf ihr Prozessvorhaben zuzulassen.


Über den Autor

» Stefan Bergsmann ist Österreich-Geschäftsführer der Managementberatung » Horváth & Partners und gefragter Gesprächspartner und Redner bei Top-Konzernen und Konferenzen.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung » Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im » Thema "Management Commentary".

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