SFH-141494   Raumplanung Ein Land, verschandelt zur „Eierspeis", Die Presse  von Christine Imlinger 30.03.2019 um 11:51

Österreich wird mit Gewerbezweckbauten und Einfamilienbunkern zugepflastert und zersiedelt, während Orte sterben. Aber Initiativen, wie es besser geht, werden mehr.

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Wien. Österreich wächst zu. Jeden Tag werden laut Umweltbundesamt fast 13 Hektar Boden neu verbaut. Zuletzt gab es zwar einen kleinen Rückgang – aber das vor vielen Jahren politisch ausgegebene Ziel, jeden Tag nur noch zwei Hektar zu versiegeln, ist weit verfehlt. Auch der Rückgang ist nicht die Folge eines Umdenkens. Es geht schlicht die Fläche aus, vor allem in alpinen Regionen, im flachen Land hat sich nichts verbessert.

Aber die Initiativen gegen den rekordverdächtigen Bodenverbrauch werden mehr. Was kann man dagegen tun? Wie kann man es fördern, dass sich das Land anders, zukunftsträchtiger entwickelt, als alles mit Gewerbezweckbauten und Einfamilienbunkern zuzupflastern, während Zentren von Kleinstädten und Dörfer veröden?

Diesen Fragen widmet sich der Verein Land-Luft. Derzeit – noch bis Donnerstag – findet in der TU Wien anlässlich des 20-jährigen Bestehens die Land-Luft-Universität statt, bei der diese Fragen an die Universität geholt werden.

Was hat sich in den 20 Jahren getan? „Vor 20 Jahren lag der Fokus mehr auf dem einzelnen Objekt, mittlerweile wird eher das Gesamte – das Ensemble, der Ort – gesehen", sagt Roland Gruber. Der Architekt hat den Verein damals auch gegründet, um das Land überhaupt in den Fokus der Architektur zu rücken. „75 Prozent der Studierenden sind vom Land, aber auf der Uni geht es um Metropolen, um Städtebau." Auch bei Architekturpreisen gehe es stets um Einzelobjekte, die Gesamtsysteme, die mehrjährige Entwicklung sind kein Thema. Der Verein will das ändern, auch mit einem Preis für innovative Orte. Aktuell liegt der Fokus hier auf dem Thema Bodenverbrauch und Versiegelung.

„Wir schauen, wo es Orte gibt, die nicht nur den Teppich aus Einfamilienhäusern weiterbauen, umwidmen, Gewerbegebiete bauen. In den vergangenen 40 Jahren ist wahnsinnig viel verbaut worden. Aber seit fünf bis sieben Jahren ist es zu einer Sensibilisierung bei dem Thema gekommen, es wurde noch nie so viel darüber geredet und berichtet", sagt Gruber.

Innen- vor Außenentwicklung

Er will allerdings nicht anklagen, was alles schlecht läuft, sondern Alternativen finden, die funktionieren – und die, die etwas anders machen können, zusammenbringen: Raumplaner, Architekten, Studenten bis zu Bürgermeistern und Bauamtsleitern der Landgemeinden – wie dieser Tage in der TU am Karlsplatz. Hier zeigen sich einige Land-Luft-Vorzeige-Gemeinden: etwa Waidhofen an der Ybbs. Die Stadt hat vor Jahren ein umfassendes Gestaltungs- und Verkehrskonzept für die Innenstadt entwickelt, dessen Umsetzung sich von öffentlichen und privaten Gebäuden über Plätze und den Ybbsuferweg bis zu Leerstandsmanagement und Revitalisierung von Stadthäusern streckt – inklusive rigoroser Widmungspolitik.

Was haben Orte, in denen es anders läuft, gemeinsam? Engagierte Menschen, heißt es in der TU. Oft reiche ein Einzelner, ein Bürgermeister, ein Planer, der eine so gute Alternative entwickelt, dass der ganze Ort mitzieht. Vor allem aber stellen diese Orte „Innen- über Außenentwicklung", so Gruber. Um die Problemstellungen auf dem Land mehr ins Bewusstsein zu holen – und an die Unis – plant der Verein etwa Land-Semester, sagt Elisabeth Leitner, die Leiterin des Studiengangs Architektur der FH Klagenfurt. Statt Auslandssemestern in aller Welt sollen Studierende aufs Land gehen, Strukturen kennenlernen, dort an Projekten arbeiten.

Aber es brauche auch einen anderen Rahmen, um den „Häuslbauerwahn", Zersiedelung und das Verbauen des Grünlands nach Blaupauseplänen oder den „Einfriedungswahn", das Einbunkern hinter Zäunen und Mauern, von dem Gruber spricht, zu bremsen.

Wie es anders gehen kann, sieht man etwa in Bayern, dort entscheiden übergeordnete Ämter, nicht die einzelnen Gemeinden. Eine strenge Raumordnung verhindert Zersiedelung, das Sanieren von Altbestand wird finanziell stark begünstigt. „Vom Flugzeug aus sieht man: In Bayern schauen die Orte aus wie Spiegeleier: Zentrum, Wohngebiet, Grünland. Österreich ist zu einer einzigen Eierspeis geworden", sagt Gruber.

Radikales Umdenken nötig

Muss man den Gemeinden die Macht nehmen? Die Bürgermeister seien aufgrund der derzeitigen Spielregeln unter Zugzwang, das müsse man ändern, meint Gruber. Sie hängen vom Geld aus Finanzausgleich und Kommunalsteuer ab, also schaut jeder, so viele Bürger und Betriebe wie geht zu halten – oder mit gefälligen Widmungen zu gewinnen. Wer nicht mitspielt, sei schnell abgewählt.

In der TU ist dieser Tage die Rede von radikalem Umdenken, auch im Finanzausgleich oder in der Raumordnungspolitik. Über einen Kamm scheren könne man diese aber nicht, schließlich sind die Fragestellungen im Umland der Städte, wo Bauträger jeden freien Fleck kaufen und zubauen, weil der Zuzug so groß ist, ganz anders als in Abwanderungsgemeinden. Die Diskussion werde sich jedenfalls, ist Gruber sicher, in den kommenden Jahren sehr zuspitzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2019)

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